Freitag, 13. Dezember 2013

.. bald geschafft.. dachte ich.

Die Tage nach der Chemo waren die Hölle, der ein oder andere weiß sicher wovon ich spreche. Ich erspare mir die Einzelheiten - nur so viel, der blaue Eimer war 5 Tage lang mein treuer Begleiter.

Nach diesen besagten fünf Tagen ging es mir eigentlich wieder ganz gut, ich war zwar etwas matschig aber das war nicht so schlimm!
In dem Arztbrief konnten wir lesen das der Krebs nicht gestreut hat und meine Lunge nach wie vor, frei war. Da hab ich mir gar keine Gedanken drüber gemacht, ich war nicht überrascht. - so schlimm stand es ja auch gar nicht um mich. Die Chemo und Bestrahlung dienten rein der Vorsicht.

Nach zwei Wochen, war die ganze Badewanne dann plötzlich voller Haare, ich bekam Panik und bestellte sofort ein paar Mützen und Tücher, wer weiß wie schnell das nun alles gehen sollte.
Von Tag zu Tag wurde es dann schlimmer, der Zwerg hatte überall Haare von mir und ich konnte sie mir mittlerweile Büschelweise herausziehen.. Es tat gar nicht weh.. Wie in einem Film, genauso wie man es sich immer vorstellte. Ich fand es aufregend,spannend und traurig zu gleich.
Dennoch entschied ich mich sie abzurasieren, bevor das ganze Haus voller Haare war und ich mit dem saugen nicht mehr hinterher komme.
Eine Freundin sagte, so ist es wenigstens mein Werk und nicht das der Chemo. - Ein guter Gedanke.
Mama und Papa schnibbelten gemeinsam an meinen dicken Haaren herum, ein furchtbares Gefühl, ich weinte...
Nachdem dann auch der Rasierer zum Einsatz kam, war das Bild perfekt. - Ich sehe krank aus! Augenringe, blass, aufgequollen durch das ganze Kortison - nicht mal die ganze kotzerei  hat meine Pfunde zum schmelzen gebracht - und nun auch noch einen "Krebskopf".

Nach ein paar Tagen gewöhnte ich mich an den Anblick und lief auch zuhause ohne Kopfbedeckung rum, es juckte alles so fürchterlich. - zu meiner Freude hat sich meine restliche Körperbehaarung ebenfalls von dannen gemacht, somit blieb der Rasierer liegen und ich war plötzlich innerhalb weniger Minuten im Bad fertig. Nach der letzten Chemo verabschiedeten sich meine Augenbrauen und Wimpern auch vollständig, oder das was davon übrig war.. nun sah ich scheiße aus!

Die nächsten Chemos vertrug ich mal mehr und mal weniger gut, einem ist halt einfach Elend zu mute. Ist das ein Wunder? Nach und nach hab ich aber auch mit mehr Langzeit-Nebenwirkungen zu kämpfen. -Heute fast zwei Monate nach der letzten Chemo habe ich immer noch Beulen an den Beinen.

Ich war die ganze Zeit über bei meinen Eltern, ging auch gar nicht anders, denn wir mussten ja versorgt werden, dabei vermisste ich meine Wohnung so.

Die letzte Chemo war ende Oktober, meine Tante die für einen Monat angereist war um uns zu unterstützen, flog Anfang November wieder in ihre Heimat.
Nun stand für mich nur noch die Bestrahlung an und dann habe ich es geschafft!
Ich hatte einen Termin bei Doktor S. in der Strahlentherapie, des UKH's. Endlich mal ein Arzt, der mir Mut machte! Ich fühlte mich wohl in seiner Gegenwart.
Wir besprachen die Nebenwirkungen und wie nun alles weiter geht. 6 Wochenlang 5 mal Bestrahlung. Ich bekam meinen Taxischein und fuhr nun täglich ins AKH. Julia passte in der Zeit auf den Zwerg auf. Ich war auch nie lange weg, denn die Bestrahlung an sich dauerte mit Einstellung nur ca 5 Minuten. Wartezeit vielleicht 10. Das war alles sehr gut organisiert. Ich ging davon aus, das ich zu Weihnachten durch bin und gesund und munter in das Jahr 2014 starten kann, den Krebs hinter mir lassen kann. Dem war aber leider nicht so.

Nach der zweiten Bestrahlung konnte ich einen kleinen harten Gnubbel in meiner Armbeuge ertasten. Da ich ja eh täglich ins AKH musste, zeigte ich diesen sofort Doktor S. er meinte es könnten Gewebeschwellungen oder Lypfknoten sein, denn er fühlte noch zwei weitere Verhärtungen. Er veranlasste ein MRT. - Für mich brach schon wieder eine Welt zusammen, ich wollte doch nur einfach Ruhe haben. Bis zu dem Ergebnis wollte ich positiv denken, ich redete mir ein, da ist nichts, das geht wieder weg.

Ich ging wie gewohnt, zu meiner sechsten Bestrahlung. Bevor ich jedoch bestrahlt wurde, schickte mich eine Ärztin rauf in den Warteraum, Doktor S. wollte mich sprechen.
Plötzlich wurde mir ganz schlecht, mein Herz raste, ich konnte meinen Puls hören.. Ich war klitsche nass geschwitzt. Ich wurde aufgerufen. Doktor S. saß an seinem Schreibtisch, der klitzekleine Funken Hoffnung den ich noch hatte lies ich vor der Tür. Ich erwähnte ja bereits, das man es förmlich riechen kann wenn Ärzte schlechte Nachrichten zu überbringen haben. - ich kannte mich ja mittlerweile aus. Was muss das nur für ein scheiß Job sein!

Doktor S. hat jedoch eine Art an sich, ich kann es gar nicht erklären, er war von Anfang an ehrlich zu mir. Als er mir dann sagte das der Tumor wieder gewachsen sei - ich weinte bitterlich - sah er so mitgenommen aus und ich hatte plötzlich das Bedürfnis ihn in den Arm zu nehmen und ihn zu trösten. Ich hatte den Anschein, das er an meiner Geschichte ganz schön zu knabbern hatte. Wie schwer muss es dann sein, so eine Nachricht zu überbringen?
Er machte für mich sofort einen Termin in der SK, das Ding muss raus, danach erst würde weiter bestrahlt werden, dass erhöht die Heilungschancen. Auf meinen Wunsch hin, wurde noch für diese Woche ein CT-Termin vereinbart. Der Gedanke das es gestreut haben könnte lies mich nicht in ruh, die Chemo scheint offensichtlich nicht ihren Dienst getan zu haben. - Das kann mal passiere, danke!

Ich kam an dem Tag des CT's früher in das AKH um meinen Onkologen anzutreffen, den ich schon seit zwei Wochen, aufgrund offener-schmerzender Beine seit der letzten Chemo, versuchte aufzusuchen. Diesmal lies ich mich nicht von der griesgrämigen Tante abwimmeln.
"Doktor T. hat heute keine Sprechstunde"
" Ich weiß, ist er denn im Krankenhaus?"
"Ja, worum geht es denn?"
"Das würd ich gern mit ihm persönlich besprechen"
"ich weiß nicht ob er überhaupt Zeit für sie hat"
"rufen sie ihn an?"
"der ist in einer Besprechung"
So langsam wurde ich aber ungeduldig...

"wie ich eben schon sagte, es ist wichtig und ich möchte ihn JETZT sprechen"
Sie rief ihn an, warum nicht gleich so.. Da muss ich erst mal böse werden.

Ich nahm in dem leeren Wartezimmer platz, fütterte den Zwerg und keine fünf Minuten später stand Doktor T. vor mir.
Ich drückte ihm den Brief der letzten Untersuchung in die Hand, zwischenzeitlich hatte ich den Termin in der SK bei Doktor W. Es sei die letzte Möglichkeit den Arm zu erhalten. Selbst eine Amputation würde das Krebsrisiko nicht lindern. Der Gedanke daran, ekelhaft. Sie wussten allerdings noch nicht wie sie operieren sollten, mussten sich mit plastischen Chirurgen aus dem DK kurzschließen, sie melden sich sobald sie genaueres wissen.

Doktor T. überflog den Brief und sah mich fragend an.
Auf meine Frage wie es denn nun weitergeht ging er gar nicht ganz drauf ein, das würde der Befund zeigen. - Als Onkologe wäre ein wenig Einfühlungsvermögen angebracht! Arschloch.
Ich sagte ihm das heute ein CT von der Lunge gemacht wird, er soll doch bitte in der Radiologie veranlassen das außerdem der Magen gescannt werden soll.
Er hielt ein CT für UNNÖTIG!!!
Ich konnte ihn jedoch davon überzeugen, er rief an und veranlasste ein CT von Thorax und Abdomen. - geht doch.

Auf meine bitte, das in den nächsten Wochen ein Ganzkörperscreening gemacht werden soll.
"sowas machen wir hier nicht, das sei auch nicht notwendig, wenn sich im Thorax Bereich nichts  angesiedelt hat. Außerdem ist das zu teuer, da müssen sie sich ein anderes Krankenhaus suchen!"

Doppelt, dreifach und vierfach ARSCHLOCH!!!!! Und so etwas schimpft sich Onkologe.

Das er sich meine Beine doch bitte noch einmal ansehen soll, winkte er mit einem "da habe ich jetzt keine Zeit für, ich bin in einer Besprechung" ab und verabschiedete sich von mir.


Zwei Tage nach dem CT klingelte mein Handy. Doktor S. Strahlentherapie. Ich zitterte... mir war kalt..
"Frau Sophie, ich würde Ihnen so gern etwas anderes sagen, aber leider leider leider haben sich jeweils im rechten und im linken Lungenflügel zwei kleine Herde gebildet. 6 und 7 mm groß".

Der Zwerg lag auf dem Boden und machte seine ersten krabbelübungen.. und plötzlich seh ich mein ganzes Leben an mir vorbei rauschen,  er strahlt mich an, weil ich ihn ansehe, durch ihn hindurch in die weite ferne Blicke - er weiß noch nicht wie hart und unberechenbar die große weite Welt sein kann. Ich will ihn beschützen, in Watte packen!

Doktor S. lies mir ein paar Minuten um zu verdauen.
"wir kriegen das hin, wir machen sie gesund" - und selbst jetzt wo ich das schreibe kommen mir die Tränen, endlich ein Arzt, der meine Ängste sieht und anerkennt. Und weiß wie man damit umzugehen hat.
Wie es nun weitergeht, ich werde meinen Arm operieren lassen, sobald die Wunden abgeheilt sind, komme ich wieder zur Bestrahlung. Ich soll mich allerdings, sobald ich mich von der Op erholt habe, umgehend bei ihm melden um die zwei Lungen Op's zu planen. - Lungen Op? ich bin überfordert. Ich dachte nun wäre alles vorbei und ich kann wieder Leben!

Vielleicht hat mein Leben aber auch erst hier begonnen....

Mama war im Ausland auf Geschäftsreise, ich rief sie tränenüberhäuft an, ob sie nach Haus kommen kann. - am nächsten Tag war sie da.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen